Wenn wir vor lauter Fürsorge vergessen, zu vertrauen

Warum wir Eltern manchmal mehr kontrollieren, als wir eigentlich möchten und weshalb unsere „ Kopf“ dabei durchaus ein Wörtchen mitzureden hat.

Es beginnt oft ganz harmlos. „Zieh deine Jacke an.“ – „Nimm lieber noch einen Pullover mit.“ – „Pass auf, das ist zu hoch.“ – „Schreib mir, wenn du angekommen bist.“ – „Hast du wirklich daran gedacht?“

Und ehe wir uns versehen, haben wir den Tagesablauf unseres Kindes bereits mit Sicherheitschecks, Erinnerungen und kleinen Warnhinweisen versehen. Nicht, weil wir ihm nichts zutrauen, sondern weil wir es lieben. Wir möchten, dass es ihm gut geht, dass es sicher ist und dass ihm möglichst wenig weh tut.

Manchmal könnte man meinen, wir Eltern hätten neben unserem eigentlichen Beruf noch eine zweite Karriere: persönliche Sicherheitsbeauftragte unserer Kinder. Wir prüfen Gefahren, erinnern an Termine, kontrollieren Rucksäcke und haben selbstverständlich auch für spontane Wetterumschwünge einen Plan.

Wenn Fürsorge auch aus Angst entsteht

Dahinter steckt Fürsorge und hinter dieser Fürsorge versteckt sich manchmal auch Angst. Wir kontrollieren, weil wir Angst haben. Wir fragen nach, weil wir uns sorgen. Wir greifen ein, weil wir glauben, eine schwierige Situation verhindern zu können. Und manchmal versuchen wir sogar, die Gefühle unseres Kindes zu kontrollieren.

Wir möchten nicht, dass es enttäuscht wird. Nicht, dass es ausgeschlossen wird. Nicht, dass es Angst bekommt. Nicht, dass es scheitert. Am liebsten würden wir unseren Kindern das Leben so polstern, dass möglichst keine Ecke mehr weh tut.

Nur funktioniert das leider nicht.

Unser Kind wird Fehler machen. Es wird enttäuscht werden. Es wird Streit haben. Es wird Entscheidungen treffen, bei denen wir innerlich kurz Luft holen. Und irgendwann wird es Dinge alleine erleben, bei denen wir nicht danebenstehen können.

Das kann Angst machen.

Die Frage ist nicht, ob etwas passieren kann

Natürlich kann immer etwas passieren. Das wissen wir alle. Wir brauchen dafür keine Kristallkugel, sondern nur fünf Minuten Nachrichten oder einen Ausflug auf einen Spielplatz.

Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht gar nicht: „Kann etwas passieren?“ Natürlich kann etwas passieren. Viel spannender ist die Frage: „Traue ich meinem Kind zu, mit dem umzugehen, was passiert?“

Statt ständig zu überlegen: „Wie kann ich verhindern, dass mein Kind Schwierigkeiten bekommt?“, können wir uns fragen: „Was braucht mein Kind, damit es Schwierigkeiten bewältigen kann?“

Im ersten Fall versuchen wir, die Welt für unser Kind möglichst sicher zu machen. Im zweiten helfen wir ihm dabei, in einer manchmal ziemlich unberechenbaren Welt handlungsfähig zu werden.

Und manchmal braucht es dafür gar nicht so viel von uns. Manchmal braucht es einfach jemanden, der sagt:

„Ich sehe, dass du gerade nicht weiterweisst. Probier es noch einmal. Wenn du mich brauchst, bin ich da.“

Wenn dein Kopf übernimmt

Wir wünschen uns, dass es unserem Kind gut geht. Wir wünschen uns, dass es uns gut geht. Wir möchten geduldig sein, eine gute Beziehung haben, liebevoll Grenzen setzen, präsent sein und möglichst nicht jeden zweiten Abend aussehen, als hätten wir gerade eine Woche ohne Schlaf hinter uns.

Und vielleicht braucht es an dieser Stelle vor allem eine kleine Prise Erlaubnis. Die Erlaubnis, nicht immer gelassen sein zu müssen. Die Erlaubnis, dass es manchmal einfach schwierig ist. Und die Erlaubnis, dass unser Alltag nicht immer so aussehen muss, wie wir ihn uns vorgestellt haben.

Ich glaube nicht, dass wir unsere Erwartungen einfach abschaffen müssen. Erwartungen sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist. Schwierig wird es eher dann, wenn aus einer Erwartung eine Bedingung wird. Wenn aus „Ich wünsche mir, dass es meinem Kind gut geht“ ein „Es muss meinem Kind gut gehen“ wird. Oder aus „Ich möchte geduldig sein“ ein „Ich darf niemals die Geduld verlieren“.

Denn das Leben hat manchmal seine ganz eigene Vorstellung davon, wie unser Tag laufen soll.

Erwartungen, Angst und die kleine Stimme im Kopf

Und Gefühle lassen sich nicht auf Knopfdruck herunterregeln. Angst ist da. Sorge ist da. Enttäuschung ist da. Und manchmal ist eben auch die Erwartung da.

Deshalb muss ich mir manchmal echt sagen:

„Okay. Das ist gerade nicht so, wie ich es gerne hätte. Doch ich musst es auch nicht sofort reparieren.“

Dieser Satz ist für mich wichtig.

Denn ich muss nicht jedes Gefühl lösen. Ich muss nicht jede Unsicherheit beseitigen. Ich muss nicht jede Situation sofort in Ordnung bringen.

Ich darf einen Moment aushalten.

Gelassenheit bedeutet nicht, keine Angst zu haben

Vielleicht ist Gelassenheit nämlich gar nicht der Zustand, in dem wir irgendwann keine Angst mehr haben. Vielleicht bedeutet Gelassenheit vielmehr: Gefühle dürfen mitfahren. Aber sie müssen nicht am Steuer sitzen.

Vielleicht lassen wir unser Kind beim nächsten Mal ein Problem erst einmal selbst lösen.

Vielleicht warten wir zehn Sekunden länger, bevor wir eingreifen.

Vielleicht fragen wir nicht sofort: „Warum hast du das gemacht?“, sondern erst einmal: „Erzähl mir, was passiert ist.“

Vielleicht lassen wir zu, dass unser Kind etwas ausprobiert, obwohl wir wissen, dass es nicht unbedingt so machen würde, wie wir es machen würden.

Und vielleicht geht es einmal schief.

Auch das gehört dazu.

Vertrauen bedeutet nicht, dass immer alles gut geht

Denn Vertrauen bedeutet nicht: „Es wird immer gut gehen.“

Vertrauen bedeutet:

„Wir werden einen Weg finden, auch wenn es einmal nicht gut geht.“

Vielleicht ist genau das die Art von Sicherheit, die wir unseren Kindern mitgeben können. Nicht die Sicherheit, dass niemals etwas passiert. Sondern die Gewissheit: „Wenn etwas passiert, bin ich nicht allein.“

Und vielleicht dürfen wir uns selbst genau dasselbe sagen.

Ich muss nicht alles kontrollieren. Ich darf Angst haben. Ich darf Erwartungen haben. Ich darf Fehler machen. Ich darf lernen.

Und ich darf meinem Kind zutrauen, dass es seinen eigenen Weg findet und ich darf mir zutrauen einen Weg mit meinen Gefühlen zu finden.

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