Anders sein ist nicht falsch! Warum Verhalten eine Botschaft sein kann
„Was stimmt mit meinem Kind nicht?“
Diese Frage stellen sich viele Eltern irgendwann.
Vielleicht in einem Moment, in dem das eigene Kind anders reagiert als erwartet. Vielleicht, wenn andere Kinder scheinbar problemlos mit Situationen umgehen, während das eigene Kind schnell überfordert ist, starke Gefühle zeigt oder sich zurückzieht.
Doch was wäre, wenn wir eine andere Frage stellen würden?
Nicht: „Was stimmt nicht mit meinem Kind?“
Sondern: „Was möchte mir dieses Verhalten zeigen?“
Die Vorstellung von „normal“
Wir alle tragen Vorstellungen davon in uns, wie Familie aussehen sollte. Wie Kinder sich entwickeln sollten. Wie Eltern reagieren sollten. Wie ein harmonischer Familienalltag aussehen sollte.
Diese Vorstellungen entstehen durch unsere eigene Geschichte, durch gesellschaftliche Erwartungen, durch Erfahrungen und durch Bilder, die uns im Alltag begegnen.
Doch Familien und Kinder sind vielfältig.
Es gibt nicht die eine richtige Art, Familie zu sein. Es gibt unterschiedliche Lebensformen, unterschiedliche Persönlichkeiten und unterschiedliche Wege, miteinander zu leben.
Auch Kinder entwickeln sich nicht nach einem festen Plan.
Manche Kinder sind sehr anpassungsfähig und beobachten viel, bevor sie reagieren. Andere zeigen ihre Gefühle unmittelbar und intensiv. Manche brauchen viel Nähe, andere mehr Rückzug. Manche brauchen mehr Zeit, um neue Situationen zu verarbeiten.
Anders zu sein bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch ist.
Verhalten ist immer eingebettet
In der Begleitung von Kindern ist ein wichtiger Grundgedanke:
Verhalten entsteht nicht einfach aus dem Nichts.
Hinter jedem Verhalten stehen Erfahrungen, Bedürfnisse, Gefühle und eine individuelle Art, die Welt wahrzunehmen.
Ein Kind, das wütend wird, möchte vielleicht nicht „schwierig“ sein. Vielleicht ist es gerade überfordert. Vielleicht fehlt ihm eine Strategie, mit einer grossen Emotion umzugehen. Vielleicht fühlt es sich nicht verstanden oder braucht Unterstützung.
Ein Kind, das sich zurückzieht, ist vielleicht nicht unmotiviert oder uninteressiert. Vielleicht braucht es eine Pause, Sicherheit oder Zeit, um Eindrücke zu verarbeiten.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten akzeptiert werden muss oder dass Eltern keine Grenzen setzen dürfen.
Es bedeutet vielmehr: Verstehen kommt vor Verändern.
Denn erst wenn wir verstehen, was hinter einem Verhalten steckt, können wir passend begleiten.
Wenn Kinder uns herausfordern
Gerade unsere eigenen Kinder können in uns sehr viel auslösen.
Ein bestimmtes Verhalten kann nicht nur eine Situation schwierig machen, sondern auch eigene Gefühle berühren:
● die Angst, etwas falsch zu machen
● die Sorge, nicht genug zu sein
● die Unsicherheit, was andere denken könnten
● die Erinnerung an eigene Erfahrungen
Manchmal ist der grösste Schmerz nicht nur das Verhalten unseres Kindes.
Manchmal ist es das, was dieses Verhalten in uns auslöst.
Deshalb kann eine wichtige Frage sein:
Was genau belastet mich gerade?
Ist es die Situation selbst?
Oder ist es auch der Druck, einer bestimmten Vorstellung von Familie oder Elternschaft entsprechen zu müssen?
Dieser Artikel wurde von Melanie Stangl verfasst.