5 Tipps für eine nervensystemfreundliche Umgebung für dein Kind

Eine nervensystemfreundliche Umgebung bedeutet für mich nicht, dass zu Hause immer alles harmonisch und entspannt ablaufen muss. Ganz im Gegenteil: Das wäre im Familienalltag wohl ziemlich unrealistisch. 😊

Wer Kinder hat oder mit Kindern arbeitet, weiss: Es gibt Tage und Phasen, in denen einfach viel los ist. Es wird gestritten, jemand ist müde, überfordert oder wütend, Pläne funktionieren nicht und manchmal liegen bei allen die Nerven blank.

Mir geht es vielmehr darum, einem Kind durch unsere Haltung, unsere Bemühung und unser Verhalten immer wieder das Gefühl zu vermitteln:

„Ich bin sicher. Ich weiss ungefähr, was auf mich zukommt. Meine Gefühle dürfen da sein. Und auch wenn es schwierig wird, bleibt die Verbindung zu meiner Bezugsperson bestehen.“

Ich war kürzlich an einem Informationsanlass, bei dem es unter anderem um die Verantwortung von uns Erwachsenen ging, eine nervensystemfreundliche und regulierende Umgebung für Kinder zu schaffen. Das hat mich dazu inspiriert, fünf Bereiche für dich zusammenzufassen, als kleine Anregung für den eigenen Familienalltag.

1. Schaffe Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit

Kinder lieben Routine nicht unbedingt, weil sie langweilig ist. Sie gibt ihnen Orientierung.

Wiederkehrende Rituale, feste Abläufe und klare Strukturen helfen dem Nervensystem einzuschätzen, was als Nächstes passiert. Wenn bestimmte Dinge immer wieder ähnlich ablaufen, muss nicht jedes Mal neu herausgefunden werden: Was passiert jetzt? Was kommt danach?

Natürlich kann und soll im Familienalltag nicht immer alles nach Plan laufen. Veränderungen gehören dazu. Umso hilfreicher kann es sein, Veränderungen anzukündigen und Übergänge zu begleiten.

Bei Kleinkindern können einfache Rituale besonders wertvoll sein: eine ähnliche Reihenfolge beim Zubettgehen, gemeinsame Essenszeiten oder ein vertrautes Abschiedsritual.

Bei älteren Kindern kann Vorhersehbarkeit auch bedeuten, Veränderungen frühzeitig anzukündigen und sie, wenn möglich, in die Planung einzubeziehen.

Zum Beispiel:

„Wir bleiben noch fünf Minuten sitzen, dann räumen wir den Tisch ab und gehen ins Wohnzimmer.“

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für ein Kind kann es aber einen grossen Unterschied machen, wenn es nicht einfach aus einer Situation herausgerissen wird, sondern weiss: Das passiert jetzt und danach kommt das.

2. Sei ein ruhiger und präsenter Anker

Wir dürfen wütend sein. Wir dürfen gestresst und überfordert sein. Und wir dürfen auch Streit haben.

Viel wichtiger ist die Frage: Wie gehen wir mit unseren Emotionen um und wie klären wir Konflikte?

Ein Zuhause, in dem jeden Tag laut gebrüllt und gestritten wird, kann für das Nervensystem eines Kindes sehr belastend sein und natürlich auch für unser eigenes.

Kinder orientieren sich an den Menschen, die sie begleiten. Sie beobachten nicht nur, was wir sagen, sondern auch, wie wir mit Stress, Wut und Konflikten umgehen.

Deshalb lohnt sich auch ein Blick darauf, wie wir Erwachsenen miteinander streiten.

Was erleben unsere Kinder? Werden Konflikte laut und impulsiv ausgetragen? Oder können wir auch sagen:

„Ich merke, dass ich gerade zu aufgewühlt bin. Wir sprechen später darüber.“

Gerade bei kleinen Kindern kann es hilfreich sein, zunächst selbst einmal ruhig zu atmen, die Stimme zu senken, bewusst einen Moment innezuhalten und sich selbst wieder zu beruhigen.

Unsere Kinder müssen nicht erleben, dass wir niemals Angst haben, traurig oder wütend werden. Sie dürfen erleben, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen.

Bei älteren Kindern kann es hilfreich sein, zu erklären, was gerade in uns vorgeht, ohne ihnen die Verantwortung dafür zu geben:

„Ich bin gerade sehr wütend, traurig oder habe Angst. Die Situation belastet mich gerade sehr. Ich brauche deshalb kurz eine Pause und kümmere mich ein bisschen um mich, damit es mir wieder besser geht. Danach komme ich wieder zu dir und wir sprechen in Ruhe darüber.“

So erleben Kinder: Gefühle sind erlaubt. Konflikte gehören zum Leben. Und auch starke Gefühle können wieder ruhiger werden.

Gleichzeitig lernen sie etwas ganz Wichtiges: Ich bin nicht für die Gefühle meiner Bezugsperson verantwortlich. Ich darf sehen, dass Mama traurig, Papa wütend ist, sie sich streiten oder ein anderer Erwachsener gerade belastet ist, und trotzdem wissen: Der Erwachsene kümmert sich um sich selbst.

So vermitteln wir unserem Kind: Du darfst meine Gefühle sehen. Du musst sie aber nicht lösen. Ich als Erwachsener übernehme die Verantwortung für meine Gefühle und kümmere mich darum, dass es mir wieder besser geht.

3. Gefühle dürfen da sein, Grenzen auch

Wir können Verständnis für Gefühle und Emotionen haben. Wir können nachvollziehen, dass ein Kind wütend, traurig, enttäuscht oder überfordert ist.

Das bedeutet aber nicht, dass jedes Verhalten, das daraus entsteht, in Ordnung ist.

Ein Gefühl hat immer einen Grund. Gleichzeitig brauchen Kinder Orientierung darin, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen können – besonders dann, wenn sie selbst oder andere dabei verletzt werden könnten.

Für mich gehören Grenzen und Sicherheit deshalb zusammen.

Kinder dürfen erleben: Hier ist jemand, der mich ernst nimmt, meine Gefühle aushält und gleichzeitig darauf achtet, dass niemand verletzt wird.

Bei einem kleinen Kind könnte das zum Beispiel heissen:

Ich lasse nicht zu, dass du deinen Bruder schlägst. Ich stoppe dich, wenn es gefährlich wird. Du darfst wütend sein. Ich helfe dir, einen anderen Weg zu finden, deine Wut rauszulassen.“

Dabei lernen Kinder auch: Die Grenzen des anderen sind genauso wichtig wie meine eigenen.

Wir können zu Hause eine Kultur des Respekts leben, in der ein „Stopp“ ernst genommen wird , von Kindern genauso wie von Erwachsenen.

Mit zunehmendem Alter können Kinder immer stärker in Lösungen und Entscheidungen einbezogen werden. Sie bekommen mehr Verantwortung und Mitbestimmung.

Und dennoch brauchen auch grössere Kinder und Jugendliche weiterhin Orientierung, nur auf eine andere Art. Sie brauchen mehr Eigenständigkeit, Privatsphäre und Mitbestimmung.

Ein Jugendlicher darf zum Beispiel sagen:

„Ich möchte jetzt nicht mit dir darüber sprechen. Lass mich bitte in Ruhe.“

Dann können wir sagen:

„Okay, ich respektiere, dass du gerade Abstand brauchst. Du darfst dich zurückziehen. Ich komme später noch einmal auf dich zu und dann sprechen wir beide in Ruhe darüber.“

So erlebt der Jugendliche: Meine Gefühle und mein Bedürfnis nach Abstand werden ernst genommen. Gleichzeitig bleiben wir miteinander in Verbindung. Rückzug darf sein, aber nicht als Abbruch der Beziehung. Eine spätere Wiederbegegnung und ein ruhiges Gespräch können helfen, wieder zueinanderzufinden.

Je älter Kinder werden, desto mehr Eigenständigkeit und Verantwortung übernehmen sie. Gleichzeitig bleiben Respekt, Verbindung und Verantwortung füreinander bestehen. Jeder trägt seinen Teil zu diesem Miteinander bei.

4. Die Verbindung bleibt auch im Konflikt bestehen

Eine der wichtigsten Erfahrungen für ein Kind ist für mich: Ein Konflikt bedeutet nicht, dass die Beziehung weg ist.

Wir können wütend aufeinander sein. Wir können unterschiedlicher Meinung sein. Wir können mit dem Verhalten unseres Kindes überhaupt nicht einverstanden sein und trotzdem in Verbindung bleiben.

Manchmal reicht dafür schon ein einfacher Satz:

„Ich bin gerade nicht einverstanden mit dem, was du gemacht hast. Aber ich bin trotzdem für dich da.“

Und natürlich machen auch wir Erwachsenen Fehler.

Wir werden laut. Wir reagieren ungerecht. Wir sagen vielleicht etwas, das wir später bereuen. Auch das gehört zum Menschsein.

Dann können wir zurückkommen und Verantwortung übernehmen:

„Ich habe vorhin zu laut mit dir gesprochen. Das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid. Ich kümmere mich darum, beim nächsten Mal anders zu reagieren.“

Damit zeigen wir unseren Kindern nicht, dass wir perfekt sind. Wir zeigen ihnen etwas viel Wertvolleres:

Beziehungen dürfen schwierig sein. Und man kann nach einem schwierigen Moment wieder zueinander finden. Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln und kann etwas daraus lernen.

5. Achte auf Bedürfnisse, Pausen und Zugehörigkeit

Manchmal sehen wir nur das Verhalten.

Das Kind quengelt. Es wird wütend. Es hört nicht zu. Es will plötzlich nichts mehr machen.

Und manchmal lohnt sich dann die kleine Frage:

Was könnte gerade dahinterstecken?“

Vielleicht ist das Kind müde. Hungrig. Überfordert. Braucht Bewegung, Nähe oder einfach eine Pause.

Ein müdes und gereiztes Kind braucht vielleicht nicht zuerst einen Vortrag darüber, wie es sich verhalten soll. Vielleicht braucht es etwas zu essen, eine Umarmung, einen ruhigen Ort oder einfach einen Moment, in dem nichts von ihm erwartet wird.

Auch Ruhe und Reizreduktion gehören für mich dazu.

Kinder brauchen nicht ständig Beschäftigung, Termine, Lärm oder Bildschirmreize. Sie brauchen auch Leerlauf. Momente, in denen nichts passiert. Rückzugsmöglichkeiten. Zeit zum Spielen, Träumen und einfach Sein.

Und dann gibt es noch etwas ganz Grundlegendes: Zugehörigkeit.

Ein Kind sollte immer wieder spüren:

„Ich bin hier willkommen. Ich bin wichtig. Ich muss nicht perfekt sein, um dazuzugehören.“

Das gilt für das kleine Kind genauso wie für den Teenager. Die Art und Weise, wie wir dieses Gefühl vermitteln, verändert sich mit dem Alter, das Bedürfnis danach bleibt.

Zum Schluss

Wir müssen dafür keine perfekten Eltern sein.

Wir dürfen lernen. Wir dürfen Fehler machen. Wir dürfen uns entschuldigen und neu anfangen.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir unseren Kindern mitgeben können:

Auch wenn es gerade schwierig ist, wir finden wieder zueinander.

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Wenn wir vor lauter Fürsorge vergessen, zu vertrauen